Club Vaudeville, Lindau

Geschrieben von Pensen

Gegen halb neun knispel ich mich aus den Federn und marschiere Richtung Frühstück. Nach dem ich aus dem 4.Stock runtergefahren bin, raus und die halbe Straße abgesucht habe, lese ich an einem Schild: Frühstück/Breakfast im 4.Stock. Oogoooott. Das kann ja nu wirklich keiner ahnen. Also wieder hoch an meinem Zimmer 460 vorbei, noch drei Meter und bitte. Ca 60 Leute und ein Kaffee Automat. Das wird gut. Ich nehme Baked Beans mit Rührei, später eine priese Obst, damit man noch mit 60 aussieht wie sieben. Dann kommt die Brezelfrau aus der Küche und die Fliegen in Menschenform stürzen sich auf sie und ihren vollbestückten BrezelStänder. Ach stimmt, deshalb die Weißwürste. Karlsruhe, Süden, Bayern Würtenberg, Hashtag diesdas #bämm.
Nach einer kurzen zwischen Bettlegung geht's um 12h los. Heute fahren wir ins malerisch liegende Lindau, direkt am Bodensee, Halbinsel, Gute Laune Hashtag#Haschtag jajaajahaltsmaul. Im "Club Vaudeville" sind wir immer gerne, so auch dieses mal. Die Rogers sind bereits mit Klangprobe fertig und lümmeln auf dem vor der Bühne stehenden Sofa. Erste Reihe für Päckchen-Soundcheck. Cybie schraubt mächtig an Knöpfen und Optimierungen, aber da gibt's nicht viel zu verbessern. Schön Dickie. Tacken wirbelt durch die Gemäuer, baut Merch auf und auch Menschen. Denn er ist seines Zeichens FC St.Pauli Fan, was mich wiederum von meiner schmerzhaften und oft unerträglichen Zuneigung zum HSV ablenkt. Heute nur 0:4 zu Hause gegen Aufsteiger "Rosa Brause Leibniz". Das ist alles so dermaßen blutleer und peinlich. Na immerhin haben wir zu Sicherheit Drobny an Werder Jemen abgegeben, damit wir bitte auch gar keinen mehr mit, Zitat Olli Kahn: "Eiern in der Hose" haben. Schlimm. Bremen ist als Ausgleich noch schlechter in die Saison gestartet, und da man immer der Trainern und oder den Torhütern die Schuld gibt, spielt heute nicht deren Nummer eins "Wiedwald", sondern, ganz genau, Drobny. Für die allgemeine Freude muss dieser aber schon in den ersten 20 Minuten drei mal hinter sich greifen. Geil, die sind einfach noch beschissener als wir. Diese rettende Erkenntnis zieht sich bereits über die letzten Jahre. So dermaßen fürchterlich alles, aber wir können immer beruhigt sein, es gibt immer noch Schlechtere. Leider könnte es mit dieser unberechtigten Sicherheit eben halt auch mal vorbei sein. Aber jetzt noch nicht. "Wir sind das Urgestein Schalllalalla...". Gar nix los.
Zum Anpfiff gibt's auch das Signal aus der Küche: "Essen ist fertich". Es wurde fleißigst geschnippelt und gebrutzelt. Bestes Hack auf Zwiebeln, Käsespätzle mit einer auf Knoblauch basierenden Tzaziki-Soße. "Pups, bloody Pups", die Spiele können beginnen. Herje. Dann bekommen wir zu unserer großen Freude Besuch von Rüdiger Bierhorst, der seines Zeichens in einem kleinen Dorf bei Konstanz wohnt. Wie der Zufall oder diese kleine Welt will, ist wiederum der Sohnemann von Fahrer Wolfgang genau in diesem Dorf zu hause. Die beiden kennen sich noch nicht, wird aber heute nachgeholt. Um es vorweg zu nehmen, man versteht sich gut.
Die verrückten Boys von Rogers fahren tatsächlich noch ma an den Teppich-Teich und springen, vermutlich ihrem wilden MittzwanzigerAlter geschuldet, angstfrei ins Kühle. Mädchen seien wohl auch da gewesen, aber erst als die Rogers grade raus sind. Da muss man doch zusammen baden.. Wolfgang fasst sich beim erzählen kopfschüttelnd an den selbigen. Recht hat er, wer nicht gleichzeitig baden geht fängt an zu schwimmen.
Die Akkustik-Session nimmt langsam beinah qualitative Formen an. Was gestern noch frisch und neu und aus Karton war, ist heute schon ne echte Snare mit Besen. Wir spielen auch zum ersten mal drinnen, weil der Sommer nun, wenn man dem Mann im Fernsehen glauben will, endgültig vorbei ist. Klingt gut. Selbst Stereogold mit leichter Tendenz zur Krankheit lassen sich zwingen einen zu schmettern. Die Leute? Begeistert.
Vor der Bühne sind Wellenbrecher aufgebaut, besser is, wegen Masse Mensch. Als wir beginnen wartet genau diese auf uns und es geht klasse los. Später im Konzert fallen mir die extrem aufmerksamen Pausen zwischen den Lieder auf. Keiner sagt etwas, ausser dann wieder ich. So ist richtig, schön zuhören was der Mann da sagt. Denn er hat Abitur und sieht mit 60 so aus wie sieben. PädagogenRock zum Mitschreiben. Hu.
Wir hängen in der Halle nebenan rum, dann Rogers gucken, Getränke nachholen, Halle, Rogers nachholen. Später am Merch verkaufe ich sogar das Batik-"Fass mir an die Füße"-Shirt von der Merchwand. Begierde weckt Dringlichkeit. Und dann wird langsam klar: Dieses Wochenene ist auch schon wieder fast vorbei. Erstaunlich wie die Verfliegerei der Zeit unbemerkt irgendwann mittendrin ansetzt und sich durchs Zeitgefühl frisst. Und da die morgige Abfahrtzeit schon gleich ist, wird sich halbwegs human losgerissen. Schade eigentlich.
Tacken, im frischen Rogers-Shirt (Ich meine er trug vorgestern noch Das Pack Shirt), Timmey, Olli und ich sammeln uns am Bus. Es regnet tatsächlich. Sehr geil. Kühl auch noch. Endlich ist man im Alltag nicht immer innerlich zerrissen wenn man mal nicht alle halbe Stunde strazziatellernd am See sitzt. Endlich Glotze satt. Auf Arte gibt's nämlich auch Dokus über Eis am See. Hat Peter Fuchs auch mal ein Lied drüber gemacht. ("Hier an der Spree, mein Eis am See").
Und als hätte ich's nicht grade gesagt, im TV wird irgendwas gerettet oder geschützt, Wald und Lachs, Steppe und Tradition. Indianer vs Touristen. Die Abouriginies werden erst seit 1967 nicht mehr zu der Tier & Pflanzenwelt gezählt. Ernsthaft. GemüsenMenschen mit Schminke dran. Eindeutig Pflanzen. Alle verrückt geworden.
Zur Belohnung von irgendwem hat irgendwer Muffins gebacken und sie als Geschenk zum Konzert mitgebracht. In diesen Karton habe ich mal profilaktsich reingegriffen und noch ein bis vier Betthupferl für Tacken und mich eingesackt. Davon wird genau jetzt profitiert, wobei das ProfiTier ja eigentlich der Mensch ist. Na egal, vegan und trotzdem Schokolade. Ich muss mir das alles noch mal erklären lassen. Aber nicht mehr heute. Pennen.
Vielen Dank liebes Lindau, vielen Dank Club Vaudeville, wieder mal Spaß gehabt. Auf bald und gute Nacht.

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