Die Stadtmitte, Karlsruhe

Geschrieben von Pensen

6:20Uhr morgens. Ein bärtiger Mann im besten Alter betritt auf Zehenspitzen das Zimmer. Ich lade die Baretta und schieße drei mal in Luft. Als Warnung, denn ich glaube wenn man drei mal gefragt oder geschossen hat darf man auch den Menschen an sich aufs Korn nehmen. Da ich die Gardine getroffen habe, blickdicht wohlgemerkt, fällt nun durch die Löcher gleißendes Sonnenlicht, die mich Erkennen lässt. Ach so, Tacken, sag doch was. Als Trost lasse ich meine Handfeuerwaffe beim hiesigen Eisenwarenhandel verschrotten und als Pullover in China verkaufen. Recycling Digga, eh klar.
Bruder Tack, frisch gestärkt vom Frühstück, war noch gar nicht aufm Zimmer, denn Mannheim liegt nur 20km von hier (Weinheim) entfernt. Da wurde zusammen mit Olli noch diskotiert, gesoffen und getanzen. Aber nun ist erstmal BaumfällerZeit. Es wird gesägt wie irre. Manchmal bilde ich mir sogar eine Vibration des ganzen Bettes ein, fast ein Schaukeln, es muss die Schnarche Noah sein. Nur die Restliche Tierpopulation fehlt. Ok, Frühstück, Tierpopulation essen.
Ich treffe Wolfgang, den Fahrer der Rogers, der ähnlich gerne Fleischsalat ist wie ich. Als ich gegen 10Uhr wieder hoch ins Zimmer latsche, ist Tacken bereits wach und top fit, meine Chance. Ich lass mich noch mit einem letzten Flügelschlag in die Federn fallen und nicke nolte tatsächlich noch mal weg. Herrlich.
Im Gegensatz zu Tackens letztem Bier war Ollis irgendwie schlecht, schal oder einfach Plörre. Schmidt geht's nicht so gut. Trotzdem rollt der Bus los, Tacken übernimmt und wir sind schon gegen 14:30h in Karlsruhe. Man schließt uns freundlich auf, wir laden schon mal, dann isset weg. "Die Stadtmitte" macht einen sympathischen Eindruck, es ist der erste, denn keiner von uns war je hier.
Den Nachmittag nutze ich für Schlendereien. Einen Hinkelsteinwurf entfernt ist ein Einkaufzentrum. Und was für eins. Ich setzte mich auf einen der acht Ledersessel und gucken senil in ein Games-Geschäft. Ohne Ende Spiele-PreViews laufen auf großen Fernsehern. Snowboarden, auch schon wieder geil. Dann entdecke ich, immer noch reichlich dusselig von der kurzen Nacht, einen Münzeinwurfschlitz neben mir in einer Art Parkuhr. MassageSessel - 4 Minuten 1€ / 10 Minuten 2€. Ich zöger keine Sekunde und schmeiß den maximal-Betrag, triumphierend meines Mutes wegen, in den Automat. Die Anzeige flimmert gelb auf. Noch 7 Sekunden zur Massage, 4, 3, 2, 1... Auf einmal wacht eine Miniatur-Sessel-Asiatin in meiner LederLehne auf und fängt an, meine ganz persönlichen Bedürfnisse zu lesen. "Ja genau, da, Aaaah, genau, ja , ich bin Gitarrist, total verspannt, Schulter, Gitarre, jaaa, Aua, genau, hör auf mach weiter", der Style. Endlich jemand, der mich versteht. Auch wenn's nur n Sessel ist. Egal. Danke, die kürzesten, schnell vorbei gehensten 10 Minuten meiner MassagenSesselKarriere. Und ich fang ja grad erst an. Hu.
Wie auf Wolken zuckerwatte ich zurück in den Club. Es wird fleißig soundgecheckt, Verstecken mit Töchtern gespielt, Fleisch gegessen und sich draußen unter die Sonnenschirme in den Innenhof gepflanzt. Und zack ist es auch schon 19Uhr, höchste Zeit um akkustisch zu seschieren. (sessionieren? abzusesschn?). Dom brusht sich heute in ungeahnte Pappstar-Sphären, denn er hat einen Karton dabei. "Vanillebär" in Kinder-Country Version. Die knapp 800 Leute sind begeistert. Später geht's per Entenmarsch von Hameln ins innere des Hauses, denn Meteor-Rolf fängt an. Jegliche zurück gelassenen Galaxien werden besungen, bis hier gelandet wurde. Alf-Pop vom allerwertesten. Nice.
Dann Päckchen. Da sich Olli direkt nach Ankunft in Karlsruhe ins Beet erleichtert hat, bekommt er als allererstes Aufmunterung Appläuse, denn im Laufe des Konzert soll auch noch Posaune gespielt werden. Kann man sich gut vorstellen, Kombination Blasinstrument/Kotzreiz. Will man nicht. Aber machen wir. Schön Dickie. Cyborg feuert an gegeben Stellen geschmackssicher Scooter-Shouts durch die Anlage, es ist ein einziger Rave. Fast schon n Move. Wicked.
Dann ballern die Rogers. Tacken beweist eindrucksvoll seine pupserischen Qualitäten. Der Backstageraum ist locker 60qm groß, zwei Flügel-Fenster sind sperrangelweit auf. Und doch, er kann machen, dass binnen Augenblicken alles doll nach KackKack riecht. Fein gemacht. In seinen Augen spiegeln sich Mitleid, Stolz aber auch diebische Freude. Ca 3-4 Minuten ist der jeweilige Ausnahmezustand. Und durch Gruppengekiecher rutscht dann auch schon mal einer zwischendurch raus. Niveau von vier jährigen die in der Sandkiste sich gegenseitig die PuhFinger in die Nase stecken. Schule und Sozialverhalten sind noch lange hin. Aber schöm.
Gegen 23h ist das Konzert vorbei und wir laden relativ schnell den Bus, weil hier gleich noch Disko ist. Trotzdem bleibt noch Zeit nett im Biergarten zu sitzen, zu schnacken und klar zu kommen. Dann treten Timmey, Tacken und ich irgendwann den Fußweg zum Hotel an. Schmidtchen, wegen besagter Kodderichkeit, hat schon früher frei bekommen und kuriert bereits auf Zimmer.
Die Rezeption gleicht eher einer Party-Kneipe mit SchlüsselkartenAusgabe. Wir sind im vierten untergebracht und suchen den Fahrstuhl. Verdammt, sehr klein. Maximal für zwei. Na gut, ich nehm den nächsten. Und dann passiert was passieren musste. Mit entspanntem Schlafzimmerblick fängt Tacken erleichtert an zu schmunzeln. Ich ahn direkt was los ist, bis die Nachricht per Luftpost Timmey erreicht. Panik, Angst, Atemnot. Doch es ist zu spät. Die Tür schiebt sich unaufhaltsam, langsam zu und die wilde Fahrt beginnt. Ich dreh mich um und nehm den gegenüber, sicher ist sicher. Oben komm ich nur einen Moment später an, der braune Gruß steht selbst noch hier im Flur. Wie viele Stockwerke wohl Rekord ist. Muss ich mich morgen mal erkundigen. Für heute ist erstmal Schluss mit lustig, denn jetzt läuft verdammt noch mal "The Punisher". Heute bin ich der mit dem Einzelzimmer, schmeiße mich in Schneeengel-Style auf die Matratze und geb mir den Streifen. Gottogott, das ist aber nicht Nett was die Frau von John Travolta da von ihm fordert. Ich hoffe das der Film übertrieben ist, und das es in dem OriginalRoman von Michael Ende sanfter zu ging. Obwohl, dann wäre auch nix zu punischen. Ja, doch, ma bitte alles tot. Ist schon der beste Plan in der Situation. Wer hätte nicht so gehandelt.
Dann Abspann und entspannen. Am Ende wurde dann ja doch noch alles gut. Und alle tot. Süß.
Liebes Karlsruhe, das war ein wunderbarer Abend, vielen Dank und gute Nacht.

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