Olof Palmer Haus, Kassel

Geschrieben von Pensen

13:12h entsteige ich noch leicht verknödelt unseren Blechwal. Es ist herrlichster Sonnenschein. Herrgott, das hatten wir lange nicht mehr. Die Augen leicht zusammen gekniffen sehe ich Timmey, der vielsagend lächelnd auf mich zu kommt. Das heutige Konzert wurde nämlich aus dem 'Panoptikum' (Rockclub) hier her ins 'Olof Palmer Haus'(Hochschulgebäude) verlegt. Timmey steckt mir kichernd, dass der Bühnenlose Raum wo die Rentner grade tanzen, der abendliche Konzertsaal ist. Hu. Na das kann ja was werden. Die Beschallungsanlage kommt gegen 15h (Mischer Blaschke rollt mit den Augen) und ansonsten weiss der Veranstalter vermutlich auch nicht genau auf was er sich da eingelassen hat. Er ist freundlich und nett, wir dabei in kurzen Zeitintervallen immer wieder aufs Neue mit Bedenken bombardiert. So, dass ich ihn irgendwann nur noch hin und her tigernd mit Handy am Ohr über den Parkplatz schreiten sehe. Eine leicht anarchistische aber fröhliche Kamikaze-Stimmung kommt auf. Die Montreals hätten sich vermutlich ihr 500stes Konzert etwas anders vorgestellt. Ja genau. Heute ist es soweit. Ma sehen was das alles wird. Uns fällt siedend heiß ein, dass wir unseren Tatort 'Tot Art' noch zu Ende drehen müssen. Heute letzte Chance. Gesagt getan: Spontane Erschiessungen, in Müllsackgehüllte osteuropäische Prostituierte (Didi), Verhöre mit M&M´s und dementsprechender Todesfolge. Es ist alles dabei. Kameramann Jan hällt drauf was das Zeug hält und selbst unser Busfahrer Alex hat eine kleine Türsteher-Sprechrolle, die niemand hätte besser schreiben können (Kommissare an der Tür:'Wir wollen rein!', Alex: 'Was rein?!'). Genial. Ich bin ernsthaft gespannt auf die zusammen geschnittene Version des Streifens. Jetzt schon ein Klassiker. Viele Musiker wollen ja irgendwann Schauspieler werden oder umgekehrt. Und es ist bekannt, dass das nicht immer von Erfolg gekrönt ist. Bei uns ist das was anderes, wegen Talent.. Das Unerwartete tritt ein, der der Musikraum füllt sich langsam mit Musik. Der Soundcheck kann beginnen. Während Montreal klangprobt stehlen Mirko, Costa und ich uns in den nur wenige Meter entfernten Einkaufsmarkt und besorgen kreative Geschenke für die '500 Konzert'-Feier. Es gibt flaschenweise Sekt, verschieden farbige Stoffhasen, Wendyhefte mit dran geklebten Spielsachen, Blumen in Töpfen, Luftschlangen und Ballons, Ostergras und ne Flasche Schnaps. Die eigentliche Sensation sind aber eigens von Costa und Carsten angefertigte Jubiläums T-Shirts, die heimlich in den letzten Tagen entworfen und bestellt wurden. Sehr schick mit allen Tourterminen allerzeiten auf dem Rücken und dem, mit einer '500' eingearbeitetem 'Montreal-M' auf der Vorderseite. Die werden sich freuen. Auch in Kassel wird DAS PACK gerne gemocht und wir mögen Kassel. Als dann Montreal auf die Bühne geht ist das das Stichwort für die komplette Reisegruppe sich oben im 'Archäologie-Raum' von Herrn Dr.Kneip (heisst wirklich so) zu versammeln. Carsten verteilt an alle die Shirts und wir geben uns gegenseitig Anweisungen wie und wann die Bühne gestürmt wird. Passt sehr gut in diesen Raum, denn es ist tatsächlich ein Klassenzimmer. Mit Tafel, Kreide und Schwamm, mit Tischen die im Kreis aufgestellt sind. Mir kommen langsam die ersten Bedenken ob dieser Raum bis Montag 8h zum Englischkurs wieder besenrein und begehbar sein kann. Egal. Alle bewaffnen sich mit Luftschlangen und Geschenken und dann geht's karawanenartig die Treppe runter, durch die Menschen Richtung Montreal. Ein herrlicher Moment wie wir singend, wie die letzte Junggesellengesellschaft, die Bühne stürmen. Die drei Jungs wissen Anfangs überhaupt gar nicht wie ihnen geschieht, was sich aber bald in willenlosem Glückwunschgefusel auflöst. 20 Männer auf einer wackeligen Bühne, die sich Best gelaunt verhalten. Drei Songs dauert unser Spezialbesuch bei dem Sogar Alex unter Sektfontänen das erste Mal in seinem Leben Stagedived. Unfassbar. Freudetaumelnd lassen wir die Jungs noch ihr Konzert zu Ende bringen und finden alles völlig geil. Kurz vorm Sondaschule-Gig kotzt Mirko noch im 'Klassenzimmer'-Backstage in einen Eimer und dann kanns losgehen. Die Temperaturen sind jetzt schon enorm. Der Unterschied zwischen Flur und Konzertraum beträgt nachher mindestens 35° Grad. Irgendwie hält die Sondaschule durch, aber so durch wie danach hab ich die Jungs vermutlich noch nie gesehen. Wie abgekämpfte Krieger,die noch nie mit kompletter Ritterrüstung in der Norweger-Sauna waren jappsen die Jungs entkräftet nach Luft. Stumm aber glücklich. Es ist geschafft. Der letzte Stein gelegt, das letzte Konzert gespielt. Langsam sickert das in die Köpfe aller Beteiligten und man wird neben der 'Heute krachst nochmal'-Stimmung etwas rührselig. Aber nur etwas. Das bekommt dann das 'Klassenzimmer' auch zu spüren. Sascha hat wieder seine portable Musikanlage mitgebracht und es wird mit der Zeit immer ausgelassener. Die Schwerkraft lässt zu wünschen übrig und auf einmal fliegen Dinge wie Magarineschalen, Joghurtbecher und Hirtensalate durch mal mehr und mal weniger geöffnete Fenster. Irgendwie ist man ja auch selber Schuld wenn man zehn entfesselte Sondaschüler zurück ins Schulwesen treibt. Nach unbeschreiblichen Geherze teilt sich die Gruppe in den frühen Morgenstunden, der Nightliner fährt in den Pott, Montreal und ich pennen noch in Kassel, der eine hier und die anderen da hin. Ich teile mir mit Hirsch ein Doppelzimmer. Nach kurzem gemeinschaftlichen hervorragendem Fazit-Geziehe schlummern wir abgekämpft und zufrieden gegen 7h ein. Leute, was soll ich sagen. Was für ne Tour, was für ne Crew und was ist überhaupt los. Da hat man fast schon wieder vergessen, dass Timmey erst seit dem 03. Januar diesen Jahres Schlagzeug spielt und wir jetzt schon unsere erste Nightliner-Tour hinter uns haben. Herrgott. So soll es doch bitte alles weitergehen. Und auch bitte wieder diese Dreier-Konstellation. Ein Segen. Aber bevor es hier zu gefühlsduselig wird hör ich an dieser Stelle mal besser auf. Vielen Dank an Euch alle, die uns hier verfolgt haben, zu den Konzerten gegangen sind und das Leben gefeiert haben! Ohne Euch und uns macht das doch sowieso alles keinen Sinn. Und genau in Diesem Sinne möchte ich nun schließen bzw mit den letzten Worten von Costa in Kassel auf der Bühne: 'Fickt euch alle, ihr seid die Geilsten!'. Auf Wiedersehen.

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